Schnebelins Schlaraffenland
ACCURATA UTOPIAE TABULA, DAS IST DER NEU=ENTDECKTEN SCHALCK-WELT ODER
DES SO OFFT BENANNTEN, UND DOCH NIE ERKANNTEN SCHLARAFFENLANDES NEU=ERFUNDENE
LäCHERLICHE LAND=TABELL ... DURCH AUTHOREM ANONYMUM.
(aus: J.B. Homann: Atlas novus terrarum ... Nürnberg 1716)
Die hier vorliegende Schlaraffenlandkarte ist verschiedenen Ausgaben
der Homannschen und der Seutterschen Atlanten des 18. Jahrhunderts beigebunden;
vor 1716 ist sie nicht nachweisbar. Grundlage für diese Phantasiekarte
ist ein Buch des kaiserlichen Generals Johann Andreas Schnebelin (+ 1706)
mit dem Titel: "Erklärung der Wunder=seltzamen Land = Charten
Utopiae, so da ist/ das neu = entdeckte Schlaraffenland/ Worinnen All und
jede Laster der schalckhafftigen Welt/ als besondere Königreiche/
Herrschaften und Gebiete/ mit vielen läppischen Städten/ Festungen/
Flecken und Dorffern/ Flüssen/ Bergen/ Seen/ Insuln/ Meer und Meer
= Busen/ wie nicht weniger Dieser Nationen Sitten/ Regiment/ Gewerbe/ samt
vielen leßwürdigen Einfällen aufs deutlichste beschrieben;
Allen thörrechten Läster = Freunden zum Spott/ denen Tugend liebenden
zur Warnung/ und denen melancholischen Gemüthern zu einer ehrlichen
Ergetzung vorgestellet. Gedruckt zu Arbeitshausen/ in der Graffschafft
Fleissig/ in diesem Jahr da Schlarraffenland entdecket ist."
Das Buch Schnebelins erfuhr keine allzu große Verbreitung, während
die danach gestochene Landkarte in vielen Bibliotheken nachweisbar ist.
Was den kaiserlichen General bewog, dieses für einen hohen Militär
doch eher abseitige Thema auf 396 Seiten auszubreiten, wird kaum zu ergründen
sein, auch ist seine Autorenschaft nur durch eine Notiz in einer Reisebeschreibung
belegt.
Wie auch immer: Schnebelin kann ohnehin nur als Bearbeiter, als Auswalzer
und Breittreter eines anderen Textes gelten. Die ursprüngliche Idee
zu dieser geographischen Satire hatte der englische Bischof Joseph Hall,
der etwa 1605 ein Buch mit dem Titel: Mundus alter et idem ... in London
herausbrachte. Schon 1613 erschien davon eine deutsche Übersetzung,
die Schnebelin als Muster diente. In beiden Versionen ist von dem Schlaraffenland
nicht die Rede, erst Schnebelin nahm die Bezeichnung dieser wunderbaren
Gegend in den Titel auf.
Damit schuf er einige Verwirrung, denn die Erzähltraditionen und
der Motivkranz, den man unter dem Begriff Schlaraffenland (Cockaigne, Pays
de Cocagne, Cuccagna etc.) zusammenfaßt, haben mit diesen Satiren
und der Landkarte nichts zu tun. Joseph Halls Intention war es - und damit
auch die Schnebelins - die moralischen und sozialen Mißstände
seiner Zeit durch eine fiktive Reisebeschreibung zu geißeln. Während
zu den traditionellen Motiven der Schlaraffenlandfabel, die sich bis auf
antike bzw. indische Quellen zurückführen läßt, die
"verkehrte Welt", die Utopie des Überflusses, eine Welt ohne Arbeit,
ohne Alter und Not u.a.m. gehört, werden in Halls uns Schnebelins
Büchern Laster und Tugenden als geographische Begriffe versachlicht.
So wie es uns auf der Landkarte entgegentritt, bildet das Schlaraffenland
Schnebelins einen ganzen Weltteil, bestehend aus 17 Provinzen und etlichen
Inselgruppen. Über 2000 fiktive Ortsnamen beschreiben Laster und Tugenden
ausführlich und detailreich, wobei letztere eindeutig in der Minderzahl
sind.
Der Zweck des Buches und der Karte ist eindeutig ein moralisierender
- als Bezugspunkte der imaginären Halbkugel (350-550°!) dienen
Nord- und Südpol: als frostiges Ierusalem nova und Stadt der Seligen
im Norden und als feurige Gehenna und Höllenpfuhl im Süden. Es
ist klar, daß es die Bewohner von Magenland (Magni stomachi imperium),
Trinkland (Bibonia), Faulpelzland (Pigritarium regio), des Landes der Geizigen
(Mammonia), Unzuchtland (Respublica Venerea), Spielland (Lusoria), Narrenland
(Stultorum regnum), Sauland (Seulandia), Schlemmerland (Lurconia regnum),
Verschwenderland (Prodigalia regnum), Fluchland (Iuronia regnum) usw. unweigerlich
nach Süden in die Hölle zieht. Zur Tugend ist dem Autor sichtlich
nichts anziehendes eingefallen - das Land der Tugend ist eine Terra incognita
...
Hans Zotter |