Die merkwürdige Sitte, historischer Ereignisse dann verstärkt zu gedenken, wenn eine runde Summe von Jahren vergangen ist, bekommt besonders skurrile Züge, wenn der Zeitpunkt des gefeierten Vorkommnisses nicht eindeutig festgelegt werden kann. Das genaue Geburtsjahr Gutenbergs ist nur annähernd auf die Zeit um die Wende vom 14. auf das 15. Jahrhundert zu fixieren, gefeiert wurden auch das Sterbejahr und das fiktive Jahr der Erfindung (1440).
Dieses Mal scheinen die Festbeiträge sich auf CDROM-Produktionen der Gutenberg-Bibel zu konzentrieren, jedenfalls hört man von einer ganzen Reihe entsprechender Projekte. Doch vor jeder Medienkonversion sollte die Konversion (in der Regel: Neuerstellung) der Metadaten stehen. Ähnlich wie wir vor fünf Jahren als einer der ersten Bibliotheken unseren Handschriftenkatalog online zugänglich machten, beginnen wir nun mit der Implementierung des Online-Inkunabelkatalog. Soweit ich sehe, sind wir auch damit führend wenn auch immer wieder Inkunabelkatalogisate in den großen Verbundkatalogen aufscheinen.
Der Grazer Online-Inkunabelkatalog ist nur durch die Vorleistungen meiner Vorgänger und meiner Kollegen möglich gewesen. Der alte handschriftliche Inkunabelkatalog von Friedrich Ahn, der 1889 als Volontär in die Universitätsbibliothek Graz eintrat, und die umfangreichen handschriftlichen Vorarbeiten von Maria Mairold bildeten die Basis meiner Arbeit.
Die bisher erschienen vier Bände des Katalogs der Bayerischen Staatsbibliothek in München beseitigten weitgehend alle Probleme der Ansetzungen, der Autorenidentifikation, der Auflistung aller literarischen Beiträge und machten alle Neubestimmungen der Offizinen und Druckdaten für meine Arbeit zugänglich. Dank der vorbildlichen Arbeit der Münchener Kollegen war es überhaupt erst möglich, die Grazer Bestände nach modernen Standards zu verzeichnen.
Bei den Exemplarbeschreibungen flossen auch die Ergebnisse des Grazer Einbandkataloges ein, den Herr Werner Hohl seit mehr als zwei Jahrzehnten betreut. Die Werkstättenzuschreibungen und die Literaturzitate wurden direkt dem derzeit nur in Zettelform vorliegenden Katalog entnommen.
Der Online-Inkunabelkatalog der Universitätsbibliothek Graz ist als work in progress zu verstehen er wird in einzelnen Tranchen ins Netz implementiert werden. Als erste Etappe werden die ersten drei Buchstaben des Alphabets, die bereits komplett vorliegen, sichtbar gemacht werden. In der zweiten Etappe werden die bibliographischen Beschreibungen der Buchstaben D-P bis zum Herbst 2000 zugänglich gemacht werden; die Exemplarbeschreibungen werden konsekutiv nachgereicht.
Der Katalogabschnitt R-Z wird erst nach dem Erscheinen des entsprechenden Münchener Bandes in Angriff genommen werden.
Aber digitale Kataloge tendieren ohnehin dazu, die Grenzen der Katalogisierung zu überschreiten, und mehr und mehr zu einer Forschungsdokumentation zu werden. Ich hoffe durch diesen Katalog auch das Forschungsinteresse an den Grazer Inkunabeln zu fördern selbstverständlich kann schon jetzt jeder Interessent eine CDROM eines Grazer Wiegendruckes online bestellen.
Hans Zotter (hans.zotter@uni-graz.at), Graz 14. Juni 2000