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BiedermeierIm 19. Jahrhundert vollzog sich der gesellschaftliche Wandel vom ländlich-agrarisch bestimmten Leben zum städtisch-industriellen. Es bildeten sich neue, eigenständige bürgerliche Lebensanschauungen, statt Geburt wurden Leistung, spezialisiertes Fachwissen und Bildung in den Mittelpunkt gestellt. Das „Bildungsbürgertum“ wurde zur betont privilegierten Gesellschaftsschicht, die in kulturellen Fragen Ton angebend war. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Umstrukturierungen führten zu Verelendungsprozessen der Unterschichten und zu einer erbärmlichen Lage des frühen Proletariats (Pauperismus). Die Kinder mussten zu Hause mithelfen und beim Gelderwerb. Der kollektive Arbeitszwang erfasste Frauen, Männer und Kinder gleichermaßen. Eine neue Form der Kinderliteratur für die sozial schwachen Schichten war erforderlich. Das Biedermeier war die goldene Zeit der Illustratoren (Ludwig Richter, Otto Speckter). Wohl gab es noch romantische Impulse, aber inhaltlich wurde geschliffen und angeglichen. Es kam zu keiner eigentlichen dauerhaften Klassizität im deutschen Sprachraum. So manches Kinderbuch glitt inhaltlich ins Triviale ab, denn allzu rührselig und seicht wurden die wenigen Verslein für die Kinder verfasst. So schreibt auch Wolfgang Promies: „Das grässlich Gutgemeinte in der Kinder- und Jugendliteratur des 19. Jahrhunderts, die wieder und wieder sittlich befördern, christlich missionieren, den herrlichen Eigensinn der Kinder gütlich brechen will, ist jene Ansichtssache, die eigentlich nur Erwachsene beschäftigen konnte und kann. Ich bin aber sicher, auch die Kinder des 19. Jahrhunderts hatten Augen im Kopf, die sahen, und Ohren, die nicht hören wollten.“ Die moralische Geschichte wurde die wichtigste literarische Gattung für Kinder und Jugendliche in jener Zeit. Sie war weltlich oder religiös orientiert, Fleiß und Arbeitsamkeit des Bürgers standen im Mittelpunkt, Fürstentreue, der Wissensdurst der Knaben, die Bescheidenheit der Mädchen, Gottgefälligkeit und Weltoffenheit. Die Geschichten wurden aber zunehmend literarischer, der Unterhaltungswert verdrängte die Belehrung. Die Laster aber malten die Autoren derart aus, dass die Pädagogen es mit der Angst zu tun bekamen, „ob nicht bei den sittlich einwandfrei eingestuften Büchern der Phantasiereiz zu sehr dominiere und das Leseinteresse sich übersteigere zur Lesewut.“Pädagogen, Theologen und Lehrer waren besorgt, ob es denn überhaupt geeignete Literatur für die Kinder gäbe. Der populärste Kinderbuchautor war damals der Theologe Christoph von Schmid. Wilhelm Busch stellte als erster Autor die abgründige kindliche Bosheit dar; er wurde wegen seines zynischen Tons von vielen Pädagogen rasch abgelehnt. (I 233, I 28.479, I 5.935, I 5.996) Nach 1806 entstanden auch im Zusammenhang mit der Nationalerziehung als liberaler Idee Werke zur vaterländischen Geschichte für die Jugend, wie z. B. von Leopold Chimani („Vaterländischer Jugendfreund“, 1814; „Vaterländische Unterhaltungen für die Jugend“, 1816). Weitere beliebte Kinderbuchgattungen des Biedermeier und dann des Realismus waren geschichtliche Erzählungen und Reiseliteratur, um über die enge, beschränkte Welt hinauszuführen, Robinsonaden (unter dem Einfluss James Fenimore Coopers „Lederstrumpf“ und Harriet Beecher-Stowes „Onkel Toms Hütte“). Außerdem war es schon im 1. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zu einer starken Zunahme der Sachliteratur gekommen. Der Realienunterricht wurde im 19. Jahrhundert immer wichtiger, Realschulen, polytechnische und technische Fachhochschulen wurden errichtet. Auch das Zeitschriftenangebot vervielfachte sich und wurde immer differenzierter. (I 10.036/2, I 18.931) Aus den vielen Beispielen der Kinder- und Jugendliteratur des 19. Jahrhunderts seien noch folgende genannt:
An den Ausführungen der Kinderbücher im späten 19. Jahrhundert fällt auf, dass die Illustrationen immer wichtiger wurden im Vergleich zum Text, während diese in früheren Jahrhunderten nur dienende Funktion hatten. Das belehrende Element trat schon im Biedermeier zugunsten „liebevoller“ Ausmalung immer mehr zurück, die Bilder wurden größer und die Texte spärlicher und harmloser. Eine neue literarische Gattung entstand, die „Bildergeschichte“, die als Vorläufer der heutigen Comics gelten kann. Um 1900 wurde das Kinderbuch tendenziell zum Bilderbuch. Bilder ersetzten zunehmend das Wort in der Mitteilung, so wie überhaupt ein allgemeiner Zweifel an der Macht der Worte (Hofmannsthal) die „Moderne“ kennzeichnet. Das Bilderbuch wurde in der Kinderbuchliteratur zur beherrschendsten Gattung bis in unsere Zeit. Heute fördern Kino, Fernsehen und Computer diese Tendenz. Kritische Stimmen meldeten sich bereits „zu Wort“. Das Lesenlernen leidet unter der Übermacht der Bilder, die quasi eine „Entlastungsfunktion“ einnehmen. „In ihrer trivialsten, massenhaften Form, den „Comics“, stellen die Bilderbücher in der Tat Programme der Anti-Leseerziehung dar. Bei aller Beliebtheit der Comics sollte man deren Wirkungsmechanismus nicht als Naturereignis hinnehmen, sondern als kulturhistorischen Zusammenhang begreifen. Der bloße Ersatz der Wörter durch die Bilder führt in die Sprachlosigkeit, einen schon häufig beobachteten sekundären Analphabetismus.“ Infolge der Erfindung neuer, industriell handhabbarer Drucktechniken stieg um die Jahrhundertwende der materielle und künstlerische Wert der Kinderbücher, wohl auch beeinflusst vom Jugendstil, der die totale Ästhetisierung des Lebens und die Flucht vor Zivilisation und Technisierung der Umwelt proklamierte. Im Kinderbuch schlugen sich diese Forderungen derart nieder, dass der soziale und technisierte Alltag hinter einer realitätsfernen Idylle verschwand, in der die heile Familie oder das dörflich-ländliche Milieu den Ort des Geschehens bildete, eingebettet wiederum in ein inniges Verhältnis zur Natur mit häufig märchenhaften und phantastischen Zügen. Illustrationen, Schrift, Einband und Text sollten eine Einheit darstellen. Viele bedeutende Künstler verfassten oder illustrierten Kinderbücher. Man wollte vor allem schöne „unwirkliche“ Werke produzieren und diese eigentlich nur für Erwachsene. Der Verkaufswert wurde den Verlagsbuchhändlern generell immer wichtiger, daher entstand auch viel Literatur von mangelhafter Qualität; Vielschreiberei wurde möglich durch neue produktionstechnische Entwicklungen.
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